Albrecht Dürer - Museum für medizinhistorische Bücher Muri
Albrecht Dürer

ALBRECHT DÜRER

HIERINN SIND BEGRIFFEN VIER BÜCHER VON MENSCHLICHER PROPORTION, 1528

EIN BUCH FÜR HANDWERKER UND KÜNSTLER

Dürers Werk widmet sich den Proportionen des menschlichen Körpers, um Künstlern das möglichst naturnahe Zeichnen beizubringen. Es umfasst vier Bücher: Buch I unterweist, wie auf der Basis des „Teilers“ die Gesamtlänge einer menschlichen Figur in Proportionen unterteilt und gezeichnet werden kann. Buch II erklärt die Anwendung eines Massstabs, der ein Sechstel der Gesamtlänge misst und ebenfalls die naturgetreue Abbildung einer menschlichen Figur erlaubt. Buch III zeigt, wie die bisher festgelegten Proportionen zur Erstellung von Abweichungen verändert werden können, und Buch IV geht auf die Darstellung von Bewegungen ein. Dürer unterscheidet zudem zwischen Körpermassen von Männern, Frauen und Kindern.

Das Werk umfasst rund 150 Illustrationen, die Vignetten mitgezählt. Die Darstellungen erfolgten im flachen Linienholzschnitt, den Dürer für künstlerische Arbeiten sonst nicht verwendete.

Dürer wählte die deutsche Sprache und richtete sich an Goldschmiede und Steinhauer, Kunstmaler und Schreiner. Er feilte über zwei Jahrzehnte lang am Text, denn die deutsche Sprache war noch kaum für Publikationen verwendet worden. Dürer konnte sich weder bei den geometrischen noch bei den anatomischen Figuren auf bekannte Begriffe abstützen und erfand vieles neu.

Das Titelblatt und die ersten Blätter der Einleitung gingen im vorliegenden Exemplar verloren und wurden vermutlich im 18. Jahrhundert von Hand und offensichtlich unter Berücksichtigung eines zweiten Exemplars nachgeführt.

JENSEITS VON NORMMASSEN

Dürer schaffte mit diesem Werk erstmals eine gedruckte Anleitung zur künstlerischen Darstellung von Menschen. Innerhalb kurzer Zeit erschienen zahlreiche Auflagen und Übersetzungen. Dürers Werk wurde lange unverändert neu gedruckt. Goethe schrieb 1791, die Proportionenlehre Dürers enthielte „ wahrhaft goldne Sprüche. Es wäre schön wenn man sie einmal zusammenrückte und in neuere Sprache übersetzte.“ Aber erst 2011 erfolgte eine Edition mit umfassendem Kommentar.

Dürer kannte offenbar das Manuskript von Leon Battista Alberti, der ebenfalls auf die Proportionen des Körpers einging. Während bei Alberti der Sinn der Kunst in der Schaffung von Schönem lag, erklärte Dürer alles, was die Natur hervorbringt, unabhängig von ästhetischer Bewertung, als abbildungswürdig.

Die von ihm festgelegten mathematisch-geometrischen Proportionen ergänzte er mit Möglichkeiten zur Varianz. So wurden dicke und schlanke, langbeinige und untersetzte Figuren entworfen, die sich nicht an einem einzigen Normmass orientieren.

Die Körperproportionen lassen ein wachsendes Interesse der Frühen Neuzeit an der Anthropometrie erkennen. Die messende Malerei betrachtete Dürer als Wissenschaft, um Grundlagen für die Medizin, Physiognomie und sogar die Rassenlehre, später auch für die Herstellung von Bekleidung zu schaffen.

EIN ITALIENREISENDER AUS NÜRNBERG

Albrecht Dürer (1471-1528) hat über sich selbst einiges preisgegeben. Er kam 1471 als Sohn eines Goldschmieds in Nürnberg zur Welt und arbeitete schon als Kind in der väterlichen Werkstatt. Der Vater erkannte die grosse Begabung Albrechts und ermöglichte ihm eine Kunstausbildung. Heimgekehrt von seinen Wanderjahren, wurde er mit Agnes Frey verheiratet, einer Nürnberger Patriziertochter. Die Ehe blieb kinderlos. Nach ihrer Verwitwung lebte Dürers Mutter bis zu ihrem Tod mit im Haushalt. Dürers Frau arbeitete eng mit ihrem Ehemann zusammen, verkaufte dessen Werke auf dem Markt und leitete in seiner Abwesenheit die Werkstatt.

Dürer bereiste Italien zweimal und stand unter starkem Einfluss der italienischen Renaissance. In seinem Lebenswerk dominieren religiöse Gemälde, die durch ihre realistische Darstellung die Kunstgeschichte nachhaltig prägten. Bekannter sind heute seine profanen Werke. Für die Kunstgeschichte war Dürers Proportionenlehre wegweisend, in der er sich theoretisch mit den Perspektiven und Objektmessungen auseinandersetzte, woraus zwei Bücher hervorgingen.

Das vorliegende Werk beschäftigte ihn mindestens zwei Jahrzehnte lang. Während der Drucklegung starb er, so dass drei der vier Bücher allein aufgrund seiner Angaben gesetzt wurden. Das Gesamtwerk gab seine Witwe heraus.

DIE PROPORTIONENLEHRE ALS NEUE DISZIPLIN

Die Proportionenlehre steht im Kontext der Kunst und der Anatomie des frühen 16. Jahrhunderts. Dürer verstand seine Messtheorie als wissenschaftliches Instrumentarium, um den menschlichen Körper durch äussere Vermessung zu erforschen. Im Gegensatz zur bisherigen Orientierung an idealen Formen machte seine an der Natur orientierte Methode die grosse Spannbreite unterschiedlicher Proportionen sichtbar.

Mit der Proportionenlehre begründete Dürer eine neue Disziplin. Verschiedene Anatomen, Künstler und Gelehrte ergänzten sie mit eigenen Werken. Die neue Lehre bildete zwar keine Richtschnur, an der sich spätere Handwerker und Künstler orientierten, wohl aber wurde sie zum Ausgangspunkt späterer anthropometrischer Überlegungen.