Maria Sibylla Merian - Raupen

MARIA SIBYLLA MERIAN

DER RAUPEN WUNDERBARE VERWANDELUNG UND SONDERBARE BLUMEN-NAHRUNG, 1679

DIE AUTORIN IST PRÄSENT

„Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumen-nahrung“ ist Maria Sibylla Merians erstes wissenschaftliches Werk. Es erscheint 1679 in kleiner Auflage und auf einfachem Papier im Verlag ihres Ehemanns Johann Andreas Graff. Bis heute sind nur sehr wenige Exemplare erhalten geblieben.

Das Werk umfasst 102 Seiten mit fünfzig Radierungen, die Merian durchnummeriert, beschreibt und nach den abgebildeten Pflanzen benennt. Das vorliegende Exemplar wurde von Merian selber koloriert. Mit präziser Pinselführung hält sie feinste Schattierungen aus dem ganzen ihr damals verfügbaren Farbenspektrum fest.

Texte und Bilder bauen auf Beobachtungen auf, die Merian seit früher Jugend in ihren Studienbüchern aufgezeichnet hat. Ihre Untersuchungsobjekte sind Pflanzen und Insekten aus der Umgebung von Frankfurt und Nürnberg. Die Texte beschreiben die Lebensweise der Raupen und ihre Metamorphose. Ergänzend illustrieren die Bilder die Entwicklungsstadien der Insekten rund um die Futterpflanze. In keinem anderen Werk ist Maria Sibylla Merian als Wissenschaftlerin und Künstlerin derart intensiv präsent, trägt doch jeder Arbeitsschritt – von den ersten Aufzeichnungen bis zum eigenhändig kolorierten Buch – ihre ganz persönliche Prägung.

UNKONVENTIONELLE PERSPEKTIVEN

Während damalige Naturforscher die Systematisierung einzelner Lebewesen nach morphologischen Kriterien anstreben und Tiere hierfür in Einzelteile zerlegen, beobachtet Maria Sibylla Merian die lebenden Insekten. Mit dieser Herangehensweise erkennt sie Zusammenhänge und charakteristische Verhaltensweisen wie Tag- oder Nachtaktivität, Fortpflanzung und Entwicklung, spezifische Ernährung oder den Befall durch Parasiten. Zudem ergänzt sie fortlaufend frühere Aufzeichnungen in Text und Bild.

Ihre Beobachtungen notiert sie in der Ich-Form, macht möglichst genaue Zeitangaben und hält detailliert Aussehen, Fortbewegung und weitere Eigenheiten der Insekten fest. Obschon diese Schilderungen in einem sehr persönlichen Stil gehalten sind, erfüllen sie durch die exakten Angaben die Kriterien wissenschaftlicher Aufzeichnungen.

Im Mittelpunkt der Bilder ist jeweils die Futterpflanze zu sehen. Sie bildet die Ernährungsgrundlage der jeweiligen Raupe, das Obdach der Puppe während der Metamorphose und später den Ort des Abflugs und der Eiablage des geflügelten Insekts. Entsprechend gruppiert Merian die Tiere, die sie möglichst massstabsgetreu abbildet, um die zentrale Pflanze. Diese Art der wissenschaftlichen Darstellung setzt Merian im Raupenbuch erstmals um und behält sie später bei.

KÜNSTLERIN UND WISSENSCHAFTLERIN

Maria Sibylla Merian kommt 1647 als Tochter des Malers und Kupferstechers Matthäus Merian des Älteren in Frankfurt am Main zur Welt. Als Dreijährige verliert sie ihren Vater. Ihre Talente werden jedoch von ihrem Stiefvater, dem Blumenmaler Jacob Marrel, gefördert. Seit ihrer Kindheit sammelt sie Raupen, züchtet sie und dokumentiert ihre Lebensweise.

Nach der Heirat mit dem Maler und Verleger Johann Andreas Graff zieht die Familie nach Nürnberg, wo Merian eine Kunstschule für junge Frauen gründet, mit Malutensilien handelt und im Verlag ihres Mannes erste Werke herausgibt. Inzwischen ist sie Mutter zweier Mädchen, Johanna Helena und Dorothea Maria. 1685 trennt sie sich von ihrem Mann. Gemeinsam mit ihrer Mutter und den beiden Töchtern schliesst sie sich der pietistischen Gruppierung der Labadisten auf Schloss Waltha in Friesland an. Hier stösst sie auf Insektensammlungen aus Surinam, einer holländischen Kolonie im Norden Südamerikas, und lernt Latein.

1691 zieht Merian mit den Töchtern nach Amsterdam. Zusammen mit ihrer jüngeren Tochter wagt sie als 52-Jährige eine Expedition nach Surinam, um dort Schmettelinge in der Natur zu beobachten. Nach zweijährigem Aufenthalt kehrt sie schwer krank, aber mit zahlreichen Skizzen, Aufzeichnungen und Präparaten nach Amsterdam zurück. Nach ihrer Genesung realisiert Merian eine Ausstellung und wird in ganz Europa bekannt. Ihre Erkenntnisse publiziert sie 1705 in einem aufsehenerregenden Folianten «Metamorphosis Insectorum Surinamensium».

Unterstützt von ihrer jüngeren Tochter, wendet sich Merian wieder der Erforschung der europäischen Insekten zu. In den letzten drei Lebensjahren ist Merian gelähmt, vollendet aber mit Hilfe ihrer jüngeren Tochter den dritten Band des Raupenbuchs und bereitet die Gesamtausgabe vor. Dieses Lebenswerk erscheint nach ihrem Tod in Holländisch und Latein.

WIRKEN IN EINER FRAUENFEINDLICHEN ZEIT

Maria Sibylla Merian lebt in einer Zeit, in der Frauen noch immer als Hexen verfolgt und hingerichtet werden. In Alltag, Religion, Recht und Wissenschaft gelten Frauen als minderwertig. Sie können – mit Ausnahme des Hebammenberufs – keine offizielle Berufsausbildung und erst recht kein Studium an einer Hochschule durchlaufen. Dennoch gelingt es Merian, ein in jeder Hinsicht aussergewöhnliches Leben als eigenständige Frau, Künstlerin und Wissenschaftlerin zu führen.

Dank familiärer Förderung erlernt sie das Kunsthandwerk. Sie umgeht geschickt die Einschränkungen der Handwerksvereinigungen, führt eine eigene Kunstschule, unterhält ihre Familie und entwickelt eine neue Illustrationsmethode. Da Universitäten Frauen verschlossen bleiben, erwirbt Merian die wissenschaftlichen Hintergründe zu ihren Insektenforschungen im Selbststudium. Sie befasst sich mit der frühen Mikroskopie, liest Werke damaliger Insektenforscher. Es gelingt ihr, sich in der europäischen Gelehrtenwelt zu vernetzen. Mit ihren Erstbeschreibungen und Beobachtungen der Lebensvorgänge verleiht sie der Insektenforschung neue und nachhaltige Impulse. Mehrere Pflanzen und Insekten werden später nach ihr benannt.

Auch im Privatleben wagt Merian unkonventionelle Wege. Sie lässt sich scheiden, verlässt ihr Heimatland, kommt selber für die Familie auf und begibt sich für zwei Jahre ohne männliche Begleitung auf eine gefährliche Expedition. Diese Eigenständigkeit findet in ihren Töchtern, die beide als Künstlerinnen tätig sind, eine Fortsetzung.

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