Apuleius Platonicus - Museum für medizinhistorische Bücher Muri
Apuleius Platonicus

APULEIUS PLATONICUS

INCIPIT HERBARIUM, 1481

ALTERNATIVE ZU GEFÄHRLICHEN ÄRZTEN

Der Herbarius von Apuleius Platonicus wurde etwa 1481 als Inkunabel gedruckt. Diese Drucke weisen häufig keine eigentlichen Titel auf. Um sie dennoch eindeutig zuzuordnen, erfolgte ihre Benennung in der Regel mit den ersten Wörtern des gedruckten Textes. Diese Inkunabel wird „Incipit Herbarium“ betitelt, wobei „Incipit“ lediglich „Es beginnt“ bedeutet.  

Die Publikation der spätantiken Handschrift sollte die medizinische Versorgung verbessern. Der Prolog des Werks enthält eine deftige Ärzteschelte, worin sich der Autor von jenen Ärzten distanziert, die er als unerfahren und gewinnsüchtig bezeichnet. Der Herbarius soll der Leserschaft ermöglichen, diesen gefährlichen Ärzten zu entkommen und sich selbst zu kurieren.  

Im Hauptteil werden 129 Heilkräuter beschrieben, wobei drei Arzneipflanzen (Sonnenwende, Beinwell und Raute) doppelt unter zwei verschiedenen Namen vorkommen. Danach folgen ein Kapitel über das fantastische Basilisca-Kraut, eines über spezielle Heilpastillen und eines über die magische Alraune.

KRÄUTERWISSEN AUS DER SPÄTANTIKE

Der Herbarius wendet sich als medizinpraktisches Werk bewusst an Laien. Er gilt als eines der wichtigsten Heilkräuterbücher des europäischen Mittelalters.

Das Werk basiert weitgehend auf der Arzneimittelkunde von Dioskurides sowie auf der „Naturalis Historia“ von Plinius d.Ä. Die ursprüngliche Handschrift entstand als Überarbeitung und Zusammenführung dieser beiden antiken Werke im 4. Jahrhundert n. Chr. Sie muss sehr beliebt gewesen sein, sind heute doch fast fünfzig Abschriften bekannt. Oft enthalten sie eigene Rezepte, was auf die Verwendung des Werks im Alltag hinweist. Dem vorliegenden Druck lag eine Handschrift aus dem 9. Jahrhundert zugrunde, die dem Benediktinerkloster auf dem Monte Cassino gehörte und während der Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

UNTER PSEUDONYM

Apuleius von Madauros war ein Dichter der römischen Antike, der im 2. Jh. n. Chr. im heutigen Algerien lebte. Heute ist man sich einig, dass der Herbarius nicht von Apuleius stammen kann. Der Autor, ein spätantiker Platoniker, wird nach seinem Pseudonym „Pseudo-Apuleius“, „Apuleius Barbarus“ oder „Apuleius Platonicus“ genannt.

Das Werk gibt vor, es stamme von „Ciro“ ab, womit der Kentaur Chiron gemeint ist, eine Sagengestalt der griechischen Mythologie. Halb Mensch, halb Pferd, brachte er dem Arztgott Äskulap und anderen Gottheiten die Heilkunde bei. Mit dem Verweis auf Chiron erhält das Kräuterbuch einen überirdischen Nimbus, seine Inhalte werden zu göttlichen Weisheiten aufgewertet.

Der Herbarius erschien in den ersten Auflagen bei Johannes Philippus de Lignamine, Leibarzt von Papst Sixtus IV. und erster italienischer Buchdrucker. Durch die enge Verbindung zum päpstlichen Hofstaat gelang es ihm, in Rom eine Druckerei zu führen, wo er in erster Linie religiöse Werke druckte.

ARZNEI FÜR DIE PRAXIS

Der Herbarius war ein mittelalterlicher Bestseller. Was machte dieses Buch so beliebt?

Die Auflistung der Pflanzen folgt keiner alphabetischen Ordnung wie in den Abhandlungen eines Theophrastus oder Dioskurides. Die Heilkräuter sind nach Krankheiten gruppiert. Mit ihrer engen Zuordnung zur Behandlung verschiedener Leiden wird deutlich, dass es sich um ein praktisches Arzneibuch handelt.

Die Pflanzenillustrationen trugen ebenfalls zur Beliebtheit des Herbarius’ bei. Noch heute beeindrucken die Holzschnitte durch eine Schematisierung, die sich auf die wichtigsten Merkmale konzentriert.

Allerdings brachten diese Erneuerungen auch Nachteile mit sich. Die neue Ordnung listete zuerst die Leiden „von Kopf bis Fuss“ auf, dann folgten übergeordnete Krankheitsbilder wie Schlafstörungen, Fallsucht, seelisch-geistige Krankheiten oder Krebsleiden. Sobald eine Pflanze aber gegen unterschiedliche Leiden eingesetzt wurde, musste man das ordnungsrelevante erstgenannte Leiden kennen, um die richtige Stelle im Buch zu finden. Zudem waren die Illustrationen derart abstrakt, dass sie nur schwer mit der realen Pflanze in Verbindung gebracht werden konnten.