Johann Jakob Scheuchzer - Museum für medizinhistorische Bücher Muri
Johann Jakob Scheuchzer

JOHANN JAKOB SCHEUCHZER

KUPFER-BIBEL ODER PHYSICA SACRA, 4 BÄNDE, 1731-1735

DIE KUPFER-BIBEL ALS MONUMENTALWERK

Das vierbändige Werk umfasst über 2000 Seiten und 750 Kupfertafeln. Der vollständige Titel der deutschen Ausgabe, die parallel zur lateinischen erschienen ist, lautet: «Kupfer-Bibel, in welcher die Physica sacra oder geheiligte Natur-Wissenschaft derer in heil. Schrift vorkommenden natürlichen Sachen deutlich erklärt und bewährt.» Sinn der Kupfer-Bibel war es, mit damaligem Naturwissen die Existenz Gottes zu beweisen.

Dieses theologische Unterfangen spiegelt sich in der Gesamtkonzeption des Werks: Die Bibel bildet das Gerüst, an dem sich die Kapitel in Inhalt und Reihenfolge orientieren. Im Zentrum jedes Kapitels steht ein Bibelzitat, illustriert mit einem aufwendig hergestellten Kupferstich.

Die Kupferstiche können drei unterschiedlichen Typen zugeordnet werden: 1. Darstellung einzelner Objekte vor einer tiefenräumlichen Landschaft in einem fantasiereichen Rahmen, 2. Darstellung dreidimensionaler Objekte in einem einfachen Rahmen, 3. einfachere, ungerahmte Darstellung.

ZÜRICH ZENSURIERT

Die Zensurbehörde in Zürich, bestehend aus reformierten Theologen, wehrte sich vehement gegen Theorien, die den Schöpfungsmythos hätten in Frage stellen können. Als Scheuchzer am Vorgängerwerk, der «Physica sacra Iobi» (Hiobs Physica sacra) arbeitete, verlangte diese Behörde, alle Bezüge zur kopernikanischen Planetenlehre zu entfernen, was er notgedrungen befolgte. Diese Behörde war wohl der Grund, warum die Kupfer-Bibel in Augsburg - und nicht in der Eidgenossenschaft - gedruckt wurde.

Während Scheuchzer die ersten Manuskripte der Physica Sacra in den Druck gab, war diese Behörde noch immer aktiv. Dennoch bekannte er zu Beginn des Werks, das kosmologische Modell nach den «Grund-Sätzen des Copernici» sei unbestreitbar. Gerade diese Druckbögen aber hatte Scheuchzer noch vor der ersten Einvernahme durch die Zensurbehörde dem Verlag ausgeliefert, so dass nur der Rest des Werks überprüft werden konnte. Um sich theologisch abzusichern, hatte Scheuchzer zudem ein umfassendes Verzeichnis theologischer Werke aufgeführt, das 34 Seiten füllt. Erst als Scheuchzer kurz vor seinem Tod die Physikprofessur am Carolinum besetzte, hielt das kopernikanische Weltbild offiziell in Zürich Einzug.

Trotz Scheuchzers Schwierigkeiten mit der reformierten Zensurbehörde entsprach die Kupfer-Bibel letztlich nicht mehr den damaligen Ansprüchen der Wissensgesellschaft. Untersuchungen von zeitgenössischen Reaktionen auf Scheuchzers Physica sacra weisen darauf hin, dass das Monumentalwerk schon beim Erscheinen als überholt galt.

STADTARZT UND UNIVERSALGELEHRTER

Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733) gehört zur Autorengruppe der Stadtärzte und Universalgelehrten. Er absolvierte ein Medizinstudium in Altdorf bei Nürnberg und in Utrecht. Mit 23 Jahren wurde er Waisenhausarzt und damit einer der vier  Zürcher Amtsärzte. Zusätzlich nahm er die Position eines Mathematikprofessors ein, war Kurator der Kunstkammer, einer Naturaliensammlung in der Wasserkirche Zürich, verantwortlich für die wertvolle Bürgerbibliothek und nahm aktiv am kulturellen Leben der Stadt teil. Die lange Jahre angestrebte Physikprofessur konnte er erst kurz vor seinem Tod antreten.  

1697 heiratete Scheuchzer die Färbertochter Susanna Vogel. Das Paar hatte sieben Söhne und eine Tochter, doch nur vier Jungen überlebten das Kindesalter.  

Die Kupfer-Bibel war ein Grossprojekt, das nur durch die komplexe Zusammenarbeit unterschiedlicher Personen realisiert werden konnte. Der Kupferstecher und Verleger Johann Andreas Pfeffel arbeitete eng mit Scheuchzer zusammen. Der Kunstmaler und Freund Scheuchzers, Johann Melchior Fuessli, zeichnete nach Vorgaben die meisten Tafeln, wofür er allerdings Versatzstücke aus diversen damaligen Publikationen zu Hilfe nahm. Der lateinische Text stammt von  Scheuchzer selbst, sein schweizerisches Schriftdeutsch wurde von einem Pfarrer in die hochdeutsche Sprache gesetzt. Kunsthistorisch bemerkenswert sind die Rahmenbilder, die von Johann Daniel Preissler entworfen wurden. Viele weitere Künstler waren ebenfalls beteiligt. 

NATURKUNDLICHER GOTTESBEWEIS

Scheuchzer schreibt in seinem Vorwort: «Mit der Zierde und Kunst der Natur suchte ich die ehrwürdige Heiligkeit der Offenbarung zu verknüpfen.»

Während sich andere Naturforscher von einer theologischen Weltdeutung distanzierten, wollte Scheuchzer als Physikotheolog Naturwissen für theologische Zwecke verwenden. Ziel der Physikotheologie war es, mit naturkundlichen Argumenten den Gottesbeweis zu erbringen. Das vorherrschende mechanistische Weltbild war dabei kein Hindernis, da die Physikotheologen hinter den mechanischen Abläufen Gottes Wille vermuteten. Die belebte und unbelebte Natur ist Idee und Werk Gottes, die es nicht zu untersuchen, sondern in ihrer Herrlichkeit darzustellen gilt. Die Perfektion der Natur wird als Beweis der Existenz Gottes interpretiert.