Cortona - Museum für medizinhistorische Bücher Muri
Cortona

PIETRO BERRETTINI DA CORTONA
FRANCISCUS PETRAGLIA

TABULAE ANATOMICAE, 1788, 2. AUSGABE, BILDER AB 1618

KÖRPERSCHAU DURCH LEBENDE TOTE

Das Werk besteht aus 27 grossformatigen anatomischen Tafeln, die vermutlich zwischen 1618 und 1620 entstanden sind. Sie wurden aber erst 1741, mehr als hundert Jahre später, erstmals herausgegeben. Die vorliegende Fassung edierte 1788 der italienische Philosoph und Anatom Franciscus Petraglia.

Einleitung und Tafelbeschreibungen umfassen fast hundert Seiten. Dann folgt der Bildteil. Einige Bilder zeigen die Figuren als aktive Beteiligte an der eigenen Sektion. Sie präsentieren der Betrachterin und dem Betrachter als lebende Tote ihre Körperteile. Diese aktive Einbindung der Präparate findet sich in anatomischen Werken vom 16. bis ins 18. Jahrhundert, doch gelten die Bilder Cortonas als „Zenit“ dieser Darstellungsweise.

Die Bilder lassen die Frage aufkommen, wo das Innere des Menschen beginnt. Wenn beispielsweise ein Körper selbst seine Eingeweide präsentiert, offenbart er damit sein verborgenes Inneres. Den äusseren Rahmen steckt der architektonische oder landschaftliche Hintergrund ab. Zusätzliche Eingrenzungen kommen durch Spiegel und Bilderrahmen zustande, die den Figuren zeichnerisch hinzugesellt wurden.

GROSSES PUBLIKUMSINTERESSE

Die Tafeln wurden für den anatomischen Unterricht von Ärzten und Chirurgen gedruckt. Durch den permanenten Mangel an Leichnamen mussten die Universitäten auf bereits bestehende, zum Teil über hundertjährige anatomische Abbildungen zurückgreifen.

Die Vorlagen für die Kupferplatten stammten vom Architekten und Maler Pietro Berrettini da Cortona (1596-1669), der den Editoren als Gütesiegel galt. Die künstlerisch professionellen, barocken Darstellungen gefielen dem Publikum, so dass das Werk auch nach über hundert Jahren auf Interesse stiess. Die Zweitauflage erklärt sich über die anhaltende Nachfrage.

EIN RESPEKTIERTER RÖMISCHER KÜNSTLER

Pietro da Cortona erlangte als Architekt und Maler bereits zu Lebzeiten Berühmtheit. Seine Autorschaft wurde in der Vergangenheit angezweifelt, bis in den 1970er Jahren zwanzig Originalbilder des Künstlers im Nachlass des englischen Anatomen William Hunter auftauchten. Luca Ciamberlano dagegen stand als Stecher fest, da er seine Initialen LC in die Platten 1 und 4 eingraviert hatte.

Heute geht man davon aus, dass die anatomischen Sektionen, die als Vorlage dienten, von Giovanni Maria Castellani, Anatom und Chirurg am Ospedale Santo Spirito in Rom, durchgeführt wurden. Eine im Vorwort der Erstausgabe erwähnte Jahreszahl 1618, die später entfernt wurde, führte zu Fragen der Datierung: Castellani leitete das Ospedale Santo Spirito in Rom erst ab 1620, befasste sich allerdings schon zuvor mit anatomischen Studien.

Der Mediziner und Chirurg Gaetano Petrioli, Leibarzt des Königs von Sardinien, gab die anatomischen Tafeln erstmals heraus. Er verfasste Legenden und ergänzte die Platten mit anatomischen Abbildungen anderer Anatomen. Zudem fügte er die Tafeln XXI bis XXVI aus bereits bekannten Werken hinzu, vor allem aus Vesals Fabrica. Franciscus Petraglia, Mediziner und Philosoph in Rom, liess in der Zweitauflage die Nebenfiguren von Petrioli wieder entfernen, ersetzte dessen Text durch seine eigenen, umfangreichen Legenden, behielt aber die zusätzlichen Tafeln bei.

KÜNSTLERISCHE ATLANTEN ALS AUSLAUFMODELL

Die Bilder entstanden während der Sektion verstorbener Spitalinsassen. Die Versorgung in obrigkeitlich unterstützten Institutionen wie Hospitälern oder Arbeitshäusern hatte damals häufig zur Folge, dass die Körper der Verstorbenen der Anatomie überlassen wurden. Damit aber fand in den Augen der damaligen Gesellschaft eine doppelte Schändung statt: Einerseits mit einer Verstümmelung des Leichnams, die eine vollständige Wiederauferstehung am Jüngsten Tag verhinderte, anderseits mit einem Umgang, wie er sonst nur mit Körpern von hingerichteten Schwerverbrechern üblich war.

Im Zeitalter der Aufklärung kam eine rege Nachfrage nach anatomischen Werken auf, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen sollten. Cortonas idealisierte Körperdarstellungen entsprachen zwar dem Geschmack eines barocken Publikums, konnten aber die Bedürfnisse der aufstrebenden Ärzteschaft nicht befriedigen. Vor allem die zweite Herausgabe von Cortonas Tafeln steht am Ende einer Epoche künstlerischer Anatomieatlanten, die kurze Zeit später durch wissenschaftliche Atlanten abgelöst wurden.