Jacob Ruf - Museum für medizinhistorische Bücher Muri
Jacob Ruf

JACOB RUF

EIN SCHÖN LUSTIG TROSTBÜCHLE, 1569

FÜR GEBÄRENDE UND HEBAMMEN

Schon im Titel macht Jacob Ruf deutlich, an wen sich das Büchlein wendet: „Ein schön lustig Trostbüchle von den empfengknussen und geburten der menschen zuo trost allen gebärenden frouwen, und eigentlichem bericht der Hebammen“. Es handelt sich um die Zweitauflage der deutschen Fassung.

Das Buch setzt mit einem Novum ein: einer detaillierten und mit einer Bilderserie illustrierten Beschreibung, wie sich ein Kind im Mutterleib entwickelt. Im zweiten Teil werden Hebammen angeleitet, wie sie sich bei schwierigen Geburten zu verhalten haben.

Der Text bleibt nicht in der Theorie verhaftet, sondern erteilt konkrete Handlungsanweisungen. Die Bilder gehen auf mittelalterliche Vorlagen von Kindslagen zurück. Ein weiterer Teil widmet sich der Anatomie der Frau. Hier stützt sich Ruf auf die „Fabrica“ von Vesalius ab, die elf Jahre zuvor gedruckt worden war. Ebenfalls auf Interesse stiess die Abhandlung über verschiedene „Missgeburten“ und ihre Deutung, wobei sich Ruf dabei an früheren Werken orientierte.

REICH BEBILDERT

Das Trostbüchle kam 1554 in Deutsch und Latein heraus. Die deutsche Version wandte sich in erster Linie an Hebammen, die lateinische an Berufskollegen und gelehrte Ärzte. Beide Ausgaben stiessen auf rege Nachfrage. Die lateinische Version wurde in den 1580er Jahren mehrfach neu aufgelegt. Die deutschsprachige Version erschien bereits in der seltenen vorliegenden Auflage von 1569 in Zürich. Auch danach wurde das Trostbüchle in Deutsch und anderen Landessprachen mehrfach nachgedruckt.

Ein Grund für den hohen Absatz lag in der faszinierenden Bebilderung des Werks durch den noch jungen Künstler Jos Murer. Im Gegensatz zur Darstellung anatomischer Präparate orientieren sich die Holzschnitte im Trostbüchle an der Geburtshilfe: Die Hebamme soll sich nicht geöffnete Leichen vorstellen, sondern die Bilder mit der gebärenden Frau in Verbindung bringen.

Neben diesen lebendigen Illustrationen trugen die originellen und unkonventionellen Abhandlungen über die Embryonalentwicklung und die geburtshilflichen Instrumente zur Beliebtheit des Werks bei.

EIN NICHTSTUDIERTER STADTARZT

Jacob Ruf kam 1505 in Konstanz zur Welt. Als ältestes Kind einer armen Familie trat er in ein Kloster in Chur ein. Aufgerüttelt durch die Reformation verliess er das Kloster in den 1520er Jahren, und absolvierte eine Schererlehre. Im Herbst 1532 trat er die Stelle des Stadtschnittarztes in Zürich an und erhielt das Zürcher Bürgerrecht. Seine Aufgabe war es, arme Kranke kostenlos chirurgisch zu behandeln, wobei das Spektrum von der Entfernung des Blasensteins über die Fixierung von Brüchen bis zu chirurgischen Eingriffen gegen Kröpfe, Tumore, Augenleiden und Wassersucht reichte.

1552 geschah eine Sensation: Ruf wurde zwischenzeitlich zum Stadtarzt von Zürich ernannt. Obschon er nie eine Universität besucht hatte, nahm er dieses höchste medizinische Amt zwei Jahre ein. Auch nachdem Conrad Gessner 1554 Stadtarzt geworden war, übte Ruf weiterhin viele stadtärztliche Tätigkeiten aus, beispielsweise die Ausbildung und Prüfung der Hebammen. Neben medizinischen Werken wie einer Handschrift über Augenheilkunde, einem Tumorbüchlein und dem Trostbüchle verfasste Ruf literarische Werke. Sie handelten von Sünde und Frömmigkeit und griffen damals hochaktuelle Fragen auf. Von seinen Theaterstücken kamen vier als städtische Grossereignisse zur Aufführung.

Mit etwa 25 Jahren heiratete Ruf die vermögende Zürcherin Kleophe Schenkli. Das Paar hatte eine Tochter, Anna. Diese heiratete einen Schüler Rufs, der nach dem Tod des Schwiegervaters 1558 dessen Stelle als Stadtschnittarzt antrat.

PFLICHTLEKTÜRE FÜR DIE PRÜFUNG

Das Trostbüchle avancierte schnell zum Prüfungsstoff für Hebammen. Unabhängig von der Qualität des Lehrmittels verband sich mit der Expertenfunktion von Männern eine Übernahme gesundheitlicher Deutungsmacht. Das von Männern entwickelte theoretische Wissen über den weiblichen Körper wurde zur Bedingung, den Beruf der Hebamme ausüben zu können. Die Weitergabe der praktischen Geburtshilfe, die von Frau zu Frau stattfand, verlor dagegen an Bedeutung.

Jacob Rufs Aktivitäten stehen im Kontext eines grösseren Prozesses. In Paris, in London und in Frankfurt befassten sich Ärzte und Chirurgen mit der Entbindungskunst, begannen Hebammenschulen zu eröffnen und männliche Geburtshelfer auszubilden. Die zuvor in der Regel von den örtlichen Frauen gewählte Hebamme musste sich nun von Männern prüfen lassen. Obwohl

weiterhin nur in Ausnahmefällen Männer Geburten leiteten, veränderte die Geburtshilfe ihre Identität: Sie war nicht länger eine Hilfeleistung für Gesunde, sondern zählte nun zu einem Spezialbereich der operativen Medizin. Rufs Trostbüchle und analoge geburtshilfliche Werke zementierten das neue Machtverhältnis der Geschlechter.